Jakobswege Infos

Die verschiedenen Routen nach Santiago

Was ist eigentlich ein Jakobsweg und warum gibt es davon so viele?

Seit über 1000 Jahren pilgern Menschen aus ganz Europa nach Santiago de Compostela. So sind bekannte Hauptrouten entstanden, also verschiedenen "Caminos". Der Camino Portugues beispielsweise führt von Portugal nach Santiago. Der berühmte Camino Francés hat seinen Namen aber daher, das diese Hauptpilgerroute in Frankreich beginnt und Pilger in Spanien häufig pauschal als Franken (francos) bezeichnet wurden.
In Deutschland nennen wir meist den traditionsreichen Camino Francés "Jakobsweg". Bekannt wurde er vor allem durch Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg". Allerdings gibt es viele Wege, die durch Europa ans Grab des Apostel Jakobus führen und somit auch verschiedene Jakobswege. Auf Spanisch heißt Weg "Camino" und Jakob "Santiago". Heute ist der Jakobsweg auch international unter seinem spanischen Namen "Camino de Santiago" bekannt.

Kleine Geschichte der Jakobswege

Jakobus der Ältere, Rubens
Die historisch gewachsenen Jakobswege haben dabei immer auch die Kultur, Bevölkerung und Architektur der verschiedenen Regionen geprägt. Im Mittelpunkt der bewegten Geschichte der Jakobswege steht der Apostel Jakobus der Ältere, einer der zwölf Jünger Jesu und Bruder des Apostels Johannes.
Schon seit dem 7ten Jahrhundert wurde behauptet, Jakobus wäre nach Jesu Tod in Spanien als Missionar unterwegs gewesen. Nachdem Jakobus aus Spanien nach Jerusalem zurückkehrte, wurde er dort laut Apostelgeschichte von König Salomo geköpft und starb als Märtyrer. Es ranken sich viele Legenden um die Frage, wie die Überreste von Jakobus nach Spanien gelangten. Eine besagt, dass sein Gefolge ihn nach Santiago trug und ihn dort begrub. Eine andere besagt, dass die Gebeine Jakobs von einem führerlosen Schiff aus Stein transportiert wurden, welches in der Stadt Padrón anlegte.
Gefunden wurden die Überreste angeblich 814 von dem Einsiedler Pelagius, der von seiner Höhle des Nachts ein Licht im nahe gelegenen Wald aufleuchten sah. Er näherte sich und fand das Gerippe eines Menschen. Zunächst rief er den Bischof Theodemir an, der das Grab öffnete und, nachdem er gefastet und gebetet hatte, die Knochen als die des Jakobus identifizierte. Der Fund wurde dann von König Alfonso II von Asturien offiziell verkündet.
Als das Gerippe des Apostels Jakobus in Galicien gefunden wurde, lagen die verschiedenen Reiche Spaniens in einer tiefen politischen Krise. Das hauptsächlich von iberischen und keltischen Stämmen besiedelte Land wurde immer wieder von Griechen, Römern, Phöniziern und Karthagern aufgesucht. Im 8ten Jahrhundert jedoch war ein muslimisches Heer von Nordafrika aus in die iberische Halbinsel eingedrungen. Die Armee bestand größtenteils aus nordafrikanischen Mauren, die von den Arabern zum Islam missioniert wurden, und eroberte in kürzester Zeit große Teile des spanischen Reiches.
Maurischer und Chrislicher Minnesänger
So war der Fund der Gebeine des Apostel Jakobus auch politisch opportun. Er bot die Gelegenheit, an die christliche Identität der anderen spanischen Reiche zu appellieren und sie in einer gemeinsamen Haltung gegen die muslimischen Mauren zu vereinen. Historiker gehen davon aus, dass der Jakobuskult eine nicht unwichtige Rolle in der Reconquista spielte – der Rückeroberung der großen Gebiete in Südspanien, die von Muslimen gehalten wurden. So wurde Jakobus auch immer wieder für den Kriegsdienst vereinnahmt. Während er zunächst als typischer Pilger dargestellt wurde, häuften sich bald Darstellungen von Jakobus mit erhobenem Schwert hoch zu Ross und spanische Heere zogen nicht selten unter seinem „Schutz“ gegen die Mauren in Südspanien zu Kriege.
Mittelalterliche Pilger
Der Jakobskult trat schnell erste Pilgerfahrten ans Grab des Apostels los. Der erste Pilger war angeblich König Alfonso II selbst, welcher über den heutigen Camino Primitivo nach Santiago pilgerte. Zu europäischer Bedeutung gelangte der Jakobsweg dann im 11ten Jahrhundert und der Camino Frances entstand als große Pilgerachse. Relativer ökonomischer Aufschwung und politische Ruhe ermöglichten eine Hochzeit der europäischen Pilgerbewegung. Auch waren Rom und Jerusalem als bedeutende Pilgerstätten weit entfernt und eine Reise hierhin vergleichbar gefährlicher. So wird geschätzt, dass zu mittelalterlichen Blütezeiten bis zu 1000 Pilger täglich an das Grab des Jakobus traten, Zahlen die mit den heutigen vergleichbar sind und diese eventuell manchmal überstiegen. Die Pilgerströme prägten Nordspanien nachhaltig und viele Spuren der mittelalterlichen Pilgerzeit sind noch heute zu finden.
Der Jakobsweg war für die Herrscher Nordspaniens auch von ökonomischem Interesse. Die Pilger brachten nicht nur Geld mit sich, mit ihnen verbreiteten sich auch neue Ideen, Informationen, künstlerische Strömungen, bautechnische Erkenntnisse und Klatsch und Tratsch. Der Camino de Santiago diente schon im Mittelalter als Ort kultureller Verständigung zwischen den Reichen Europas. Viele Europäer siedelten entlang des Jakobwegs und besonders die Franken prägten viele Städte, beherrschten sie doch eine Baukunst, die der spanischen überlegen war. So kam der Jakobsweg zu seinem Namen Camino Frances, „französischer Weg“.
Besonders in den Heiligen Jahren, die begangen werden, wenn der Festtag des Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, kamen große Menschenmassen nach Santiago de Compostela. Dies hatte eventuell auch einen pragmatischen Grund: Die Heiligen Jahre waren gleichzeitig Gnadenjahre, in denen den Pilgern alle Schuld erlassen wurde. Trotzdem wird davon ausgegangen, dass der Jakobsweg nicht nur religiöse Pilger anzog. Abenteurer und Vagabunden trieben sich vermutlich auf ihm herum, genauso wie Diebe und Betrüger. Die enorme Anzahl an Reisenden verstärkte eine christlich-europäische Identität und ermöglichte einen regen kulturellen Austausch.